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Deutscher Buchpreis 2008

Helden des Buch-Herbstes - Gleich drei Schriftsteller aus Berlin stehen auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2008

Von Marina Neubert

Das Buchpreis-Wettrennen hat begonnen. In den kommenden Wochen - bis zur Preisverleihung des Deutschen Buchpreises 2008 am 13. Oktober - wird es vorwiegend in den Disziplinen "DDR-Untergang", "Parallelgesellschaften", "Reifeprüfung" und "Liebesfindung" ausgetragen. In die Poleposition drängen wohl Ingo Schulzes leichte Sommerromanze "Adam und Evelyn" über die letzten wilden Monate der DDR ebenso wie Uwe Tellkamps schwergewichtiges Herbstepos "Der Turm", das den Niedergang in einem Dresdner Villenviertel beschreibt. Dietmar Dath geht in "Die Abschaffung der Arten" in puncto Untergangsszenario noch einen Schritt weiter und malt sich eine Tiergesellschaft ohne Menschen aus.

Sherko Fatah schickt im Roman "Das dunkle Schiff" (bereits für den Leipziger Buchpreis 2008 nominiert) einen jungen, in die Fänge des radikalen Islamismus geratenen Iraker ins Rennen. Während Rolf Lappert in seinem Familienroman "Nach Hause schwimmen" den Held durch einzelne Schicksalsschläge reifer werden lässt, und Iris Hanika in "Treffen sich zwei" die beiden Hauptfiguren, die ihren starken Gefühlen am liebsten entkommen wollen, doch noch zu einander finden lässt.
Reife Autoren im jüngeren Alter

Alle sechs Wettstreiter sind zweifellos ernst zu nehmende Autoren. Relativ jung - 39 bis 49 Jahre alt -, ein für die an den Kräften zehrende Maschinerie des Literaturbetriebs durchaus passendes Alter. Aus welchen Gründen aber Uwe Tellkamps eindrucksvolle Dresdner "Geschichte aus einem versunkenen Land", wie "Der Turm" im Untertitel heißt, für das Shortlist-Wettrennen geeigneter erschien als Marcel Beyers nicht weniger eindrucksvoller Dresdner Gesellschafts- und Wissenschaftlerroman "Kaltenburg" (Longlist), wird wohl allein die siebenköpfige Jury wissen. Ebenso macht es einen schon ratlos, warum die literarischen Begutachter auf Feridun Zaimoglus poetischen, große Gefühle auf authentischste Weise beschwörenden Roman "Liebesbrand" (Longlist) zugunsten von Iris Hanikas sehr lebhafte, doch sprachlich allzu sprunghafte Liebesgeschichte "Treffen sich zwei" verzichtet haben.

Am besten sieht man sich die Longlist gar nicht mehr an, ansonsten könnte man wehmütig werden. Dass Peter Handke in den vergangenen Tagen seine leise Balkanerzählung "Die morawische Nacht" (Longlist) "zugunsten der jüngeren Gelisteten" selbst aus dem Rennen zurückgezogen hat, ist bedauerlich. Dass aber Norbert Gstreins Jugoslawien-Roman "Die Winter im Süden" (Longlist), ein bewegender Vater-Tochter-Konflikt, der für ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte steht, es auf die Shortlist gar nicht geschafft hat, ist mehr als bedauerlich.

Doch zurück in die Zukunft: Die Buchpreis-Wettkampfmannschaft steht für dieses Jahr fest. Drei der Nominierten sind Berliner Autoren: Der 46-jährige Ingo Schulze, der 2005 mit seinem beeindruckenden Wenderoman "Neue Leben" den großen Durchbruch schaffte und zum literarischen Fachmann für die östlichen Sichtweisen in der Zeit des Ost-West-Umbruchs avancierte. Die 46-jährige Iris Hanika, die seit 1979 in Berlin lebt und sich bereits mit ihrer ersten Erzählung "Katharina oder Die Existenzverpflichtung" (1992) Berliner kreativer Hektik verschrieben hat. Und der 44-jährige, in Ost-Berlin geborene Sherko Fatah, der als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen sich in beiden Kulturen heimisch und manchmal auch fremd fühlt, was es ihm ermöglicht, die Parallelwelten mit großer Präzision und vor allem Empathie zu beschreiben.

Die drei nominierten Romane aus Berlin - "Adam und Evelyn", "Treffen sich zwei" und "Das dunkle Schiff" - sind nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich völlig unterschiedlich. Ingo Schulze erzählt die tragikomische Liebesromanze vom Damenschneider Adam und seiner vom goldenen Westen träumenden Freundin Evelyn aus dem Wendejahr 1989, mit politischen Begebenheiten und beginnenden Protesten im Hintergrund, in einem für Schulze eigenen, wunderbar leichten, plaudernden Ton. Sherko Fatah dagegen pflegt eher einen ironisch-distanzierten Stil, der es ihm ermöglicht, die Geschichte des irakischen Kochs Kerim - der in der Heimat unter die selbst ernannten Gotteskrieger gerät und vor ihnen im "dunklen Schiff" nach Deutschland flieht - als ein ernsthaftes Abenteuer zu erzählen. Iris Hanika jongliert zwischen ihren beiden Verliebten, die "sich treffen", mit unterschiedlichen Sprachebenen im Schnelltempo eines erfahrenen Artisten, um die stets zu kippen drohende Gefühlswaage von Senta und Thomas in Balance zu halten.

Doch bei aller Verschiedenheit, die so typisch für Berlin wäre, haben die drei Romane zwei anmerkenswerte Gemeinsamkeiten: Zum einen sind es gar keine Berlin-Romane. Iris Hanika läst zwar ihre etwa ein Monat lang dauernde Liebesgeschichte in Kreuzberg spielen, und Sherko Fatahs Kerim versucht in Berlin, wo er bei seinem Onkel unterkommt, ein neues Leben anzufangen - doch klassische Großstadtromane sind es nicht. Ebenso wenig wie Ingo Schulzes "Adam und Evelyn", der sein Liebespärchen aus der DDR über die ungarische Grenze in den Westen schickt.
Bücher, die für Umsatz sorgen

Die zweite Gemeinsamkeit: In den nächsten drei Wochen werden diese Bücher - mit einem Vermerk wie etwa "Shortlist Deutscher Buchpreis 2008" versehen - zusammen mit den anderen nominierten Romanen die aktuellen Büchertische allerorts beherrschen und für guten Umsatz sorgen. Die Bestsellerlisten werden sich nach den nominierten Titeln ausrichten. Und die Autoren werden aus ihrem Schreibprozess herausgerissen, interviewt, fotografiert, zu Lesungen verpflichtet.

Nur einer von ihnen wird im Endeffekt das Rennen machen und die Ehrung nebst 25 000 Euro bekommen. Nur sein Roman wird zum Buch des Herbstes erkoren. Ob es wieder ein Sieger aus Berlin sein wird - wie Julia Franck mit ihrem Roman "Die Mittagsfrau" im vergangenen Jahr -, lässt sich natürlich nur schwer voraussagen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch.

(Die Betrachtung erschien am 19. September 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)