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Der Strolch vom Kurfürstendamm

Der Strolch vom Kurfürstendamm: Die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler erlebt eine späte Ehrung in der Stadt ihres Werdens

Von Marina Neubert

Als Else Lasker-Schüler im März 1939 von einem der Passagiere auf dem Schiff von Marseille nach Tel Aviv angesprochen wurde, ob sie tatsächlich die deutsche Dichterin Lasker-Schüler sei, soll die Siebzigjährige mit Tränen in den Augen erwidert haben: "Leider". Ihre traurige Antwort auf dem Weg ins Exil nach Palästina lässt sich genauso zweideutig lesen, wie Kurt Tucholskys Notiz aus seinen "Qu-Tagebüchern 1934-35". "Es ist schön, aus Deutschland zu sein. Es ist schön, AUS Deutschland zu sein", schrieb er aus seinem schwedischen Exil. Beide waren sie stolz, deutsche Dichter zu sein. Und beide schämten sie sich für das Nazi-Deutschland, das sie verjagte - sie ihrer Sprache und somit ihrer dichterischen Existenz beraubte.

Kurt Tucholsky nahm sich 1935 das Leben in Schweden. Else Lasker-Schüler starb 1945 nach einem schweren Herzanfall in Jerusalem, wo sie auf dem Ölberg begraben worden ist. Doch anders als Tucholsky gehört die deutsch-jüdische Lyrikerin, Dramatikerin, Zeichnerin und furchtlose Performancekünstlerin zu den weniger bekannten Berliner Exilanten der Dreißigerjahre.

Nun soll aber "der Strolch vom Kurfürstendamm", wie sie sich selbst einmal nannte, wieder in die Stadt zurückkehren, deren wichtigste Qualität sie bereits 1912 erkannte: "Eine unumstößliche Uhr ist Berlin", schrieb Else Lasker-Schüler, "sie wacht mit der Zeit, wir wissen, wie viel Uhr Kunst es immer ist". Nach Stationen in Jerusalem, Zürich, Wuppertal, Breslau, Prag ist das XV. Else Lasker-Schüler-Forum - veranstaltet anlässlich des 140. Geburtstages der Dichterin von der Wuppertaler Else Lasker-Schüler-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Berliner Künstlerinitiative "ImWestenWasNeues" - vom 5. bis 8. März erstmals in Berlin zu Gast.

Dort, wo Lasker-Schüler von 1894 bis 1933 lebte, in der Welt der literarischen Avantgarde, deren markantester Treffpunkt das berühmte Café des Westens war - von der jungen Dichterin zusammen mit ihrem zweiten Mann, dem Gründer der legendären Wochenzeitschrift "Sturm" Herwarth Walden fast täglich aufgesucht -, begann auch für sie die Uhr der Kunst zu ticken.

Noch bevor sie im "Sturm" neben Richard Dehmel, Karl Kraus, Alfred Döblin, Heinrich und Thomas Mann ein bedeutendes Forum für ihre Gedichte, kürzeren Prosatexte und "Briefe nach Norwegen" (als Briefroman "Mein Herz" bekannt) fand, machte sie sich als Dichterin bereits nach dem Erscheinen ihrer ersten Gedichtbände "Styx" (1902) und "Der siebente Tag" (1905) einen Namen. Im Vergleich zu den anderen Lyrikerinnen um die Jahrhundertwende waren ihre Gedichte schon recht früh von starkem Sprachbewusstsein geprägt.

Aus der bürgerlichen Enge ihrer Geburtsstadt Elberfeld, einem heutigen Stadtteil von Wuppertal, befreit, atmete die Bankierstochter in der Kunstmetropole erstmalig die Luft der Moderne in vollen Zügen ein - mit aller Leidenschaft und Extravaganz, die man ihr nachsagte. Poetisch verkleidet: Mal als "Tino von Bagdad", mal als "Jussuf der Egypter", mal als "ein ganz kleines Mädchen, das zum ersten Mal von einem Herrn zu Kempinski zum Abendbrot mitgenommen wird", öfters aber als "Prinz von Theben". Und wenn Else Lasker-Schüler sich Prinz nannte, dann zog sie sich auch entsprechend an: Im August 1914 wurde sie auf der Reise nach München wegen ihres Outfits sogar einmal verhaftet.

Sie inszenierte ihr befreites, unbehaustes Ich in den Berliner Jahren bewusst und schlief gelegentlich auch auf Bänken - kein Wunder, dass sie sich als "der Strolch vom Kurfürstendamm" fühlte. Es ist auch kein Zufall, dass das XV. Else Lasker-Schüler-Forum ausgerechnet dieses zeitweiliges "Selbstfühlbildnis" der Dichterin als Motto für seine viertägige Veranstaltungsreihe in Berlin nimmt.

Jörg Aufenanger, Buchautor, Gründer der Künstlerinitiative "ImWestenWasNeues" und Mitorganisator des Forums, spricht über ein Programm, das bewusst zusammengestellt worden sei, um das zum Teil einseitige Bild von Else Lasker-Schüler zu ergänzen. Auf dem Programm stehen neben den Lesungen mit Angela Winkler und Katharina Burowa, einer szenischen Hommage an Lasker-Schüler und Peter Hille sowie einem Abend mit Nina Hoger und dem "Ensemble Noisten" auch Vorträge zu den bislang wenig erforschten Themen wie "Franz Kafka und Else Lasker-Schüler" oder "Das zeichnerische Werk der Dichterin". "Natürlich ist sie eine großartige Lyrikerin gewesen, verträumt, melancholisch und esoterisch", sagt Aufenanger, "so, wie man sie aus ihren Gedichten kennt. Doch sie ist auch ein 'Strolch', ein sehr engagierter, manchmal auch ein aggressiver Geist gewesen. Allein schon ihre Kampfschrift gegen die Verleger 'Ich räume auf!' war ein wahrer Aufstand!"

Nach sechsundsiebzig Jahren kommt also Deutschlands größte Dichterin, wie Gottfried Benn die Rebellin einmal bezeichnete, in die Stadt ihrer dichterischen Blüte zurück, wo sie 1932 den Kleist-Preis erhielt, und wo man sich nun an ihre Zeit als "Strolch vom Kurfürstendamm" wieder erinnern kann. Dies dürfte allerdings nicht allzu schwer fallen, denn Berlin war immer schon nicht sonderlich zimperlich mit seinem "Strolch": Trotz der großen Erfolge geriet Lasker-Schüler hier andauernd in Geldnot und beklagte sich darüber, dass sie als frei schaffende Künstlerin nicht unterstützt werde und deshalb alle Bekannten und Unbekannten ums Geld betteln müsse. Wie die Ironie des Schicksals es wollte: Auch das Berliner Comeback der Dichterin wird trotz der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters nicht von der Stadt Berlin, sondern von Privatgeldern finanziert.

(Der Text erschien am 27.2.2009 in der Berliner Morgenpost)