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Türkische Autoren auf der Frankfurter Buchmesse 20

Immer dicht an der Politik - Wie türkische Autoren die Frankfurter Buchmesse 2008 prägen werden

Von Marina Neubert

Als die Berliner Autorin Emine Sevgi Özdamar vor knapp zwanzig Jahren ihren ersten Erzählungsband "Mutterzunge" (1990) schrieb, suchte eine ihrer Figuren - natürlich eine junge türkische Frau - nach dem Ort, an dem sie ihre Muttersprache verloren hatte. Wahrscheinlich symbolisiert diese Figur nach wie vor am eindringlichsten das Lebensgefühl der in Deutsch schreibenden türkischen Autoren. In gewissem Maße schreiben die beiden Sprachen und die darin verborgenen beiden Weltanschauungen auch an den wunderbaren Büchern von Feridun Zaimoglu mit, dem berühmtesten Repräsentanten der deutsch-türkischen Migrationsliteratur.

Nun werden Feridun Zaimoglu, Emine Sevgi Özdamar, die Berlinerin Yadé Kara, die Publizistin Necla Kelek, zusammen mit den anderen türkischen Exilanten aus aller Herren Ländern - wie beispielsweise die Autorinnen Elif Shafak ("Der Bonbonpalast") und Perihan Magden ("Zwei Mädchen. Istanbul-Story"), die zwischen Türkisch und Englisch, zwischen den USA und der Türkei pendeln und deren aktuelle Romane endlich in Deutsch erscheinen - Gäste der diesjährigen Buchmesse sein.

Doch die meisten der geladenen 350 türkischen Autorinnen und Autoren werden Anfang der nächsten Woche direkt aus der Türkei nach Frankfurt anreisen. Zusammen mit ihnen zahlreiche Übersetzer und etwa hundert Verleger. Die Liste der Neuerscheinungen aus der Türkei umfasst in diesem Herbst mehr als zweihundert Titel. Bis auf die wenigen Ausnahmen - wie der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, der Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Yasar Kemal oder der Krimiautor Celil Oker, der bereits vor einigen Jahren durch seine Istanbul-Krimis entdeckt wurde - waren es hierzulande nahezu unbekannte Autoren.

Mit der Entdeckung der türkischen Autoren - darunter der in seinem Land bekannte Intellektuelle Zülfü Livaneli ("Glückseligkeit"), der Schriftsteller und einer der Gründerväter der modernen türkischen Literatur Ahmet Hamdi Tanpinar ("Seelenfrieden"), die Publizistin und politische Aktivistin Oya Baydar ("Verlorene Worte"), der Kultstar, Lyriker und Romancier Murathan Mungan ("Tschador") - steht dem deutschen Leser auch die wahre Entdeckung der Türkei bevor. Denn die türkische Literatur hat bekanntlich nicht nur ihre eigene Ästhetik, sondern sie birgt in sich auch ihr eigenes Gedächtnis - das Gedächtnis ihres Landes.

Die Literatur war in der Türkei immer schon eine Art ideologisches und historisches Medium und konnte deshalb auch eine größere politische und identitätsstiftende Wirkung erzielen als in vielen anderen Ländern. Sie ist nach wie vor eine Art Politikersatz geblieben. Daran hat sich im Übrigen seit dem Beginn der Modernisierungsdiskussionen im 19. Jahrhundert über die Ära Kemal Atatürks bis zur aktuellen Schwelle des EU-Beitritts kaum etwas geändert.

Dass die Meinungsfreiheit in der Türkei sehr schnell an ihre Grenzen stößt, ist kein Novum. Viele türkische Autoren, die sich mit Streitthemen wie Religion, Kurden- und Armenienfrage oder dem extremen Nationalismus auseinandersetzen, müssen um ihre eigene Sicherheit besorgt sein. Einer der bekanntesten unter den Bedrohten, Nobelpreisträger Orhan Pamuk, wird am 14. Oktober die Frankfurter Buchmesse zusammen mit Außenminister Steinmeier und dem türkischen Staatsoberhaupt Abdullah Gül eröffnen.

(Der Artikel erschien am 10. Oktober 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)