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Israelische Bestseller

Zwischen Glauben und Sorgen – Die am meisten gelesenen Autoren in Israel befassen sich mit den alltäglichen Folgen des Nahost-Konflikts. Anlässlich des Jubiläums „60 Jahre Israel“ ein Blick in die Bestsellerliste im Mai 2008

Von Marina Neubert

"Die Geschichte meines Landes ist nichts anderes als eine alte Familiengeschichte, die vor zwei Tausend Jahren begann. Und nun schlägt sich die identitätsbunte Mishpacha zwischen Sorgen und Freuden durchs Leben. Dass wir vor sechzig Jahren unseren eigenen Staat bekamen, ist unsere größte Freude. Dass die Existenz dieses Staates vom Nahostkonflikt bedroht ist, ist die größte Sorge." Einer der bedeutendsten israelischen Romanciers, Meir Shalev, hat neulich in einem Gespräch mit wenigen Sätzen die Stimmung seiner Leser - er würde sagen Familienmitglieder - kurz vor dem 60. Geburtstag Israels sehr genau erfasst.
Das, was die Israelis heute lesen (siehe Charts unten), spiegelt diese Gefühlslage anschaulich wieder: Es reicht von der ergreifenden Hymne auf das Land Israel in Meir Shalevs jüngstem Roman "Der Junge und die Taube" über die Selbstzweifel eines mit seiner deutsch-jüdischen Vergangenheit hadernden Juden in Yoram Kaniuks bereits seit Jahren immer wieder gelesenem Buch "Der letzte Berliner" bis hin zu den tragischen Auswirkungen der zweiten Intifada in Assaf Gavrons neuem Roman "Ein schönes Attentat".

Feindseligkeit bedroht die Selbstfindung
Seit Jahrzehnten gehört der Nahostkonflikt zur größten Sorge der israelischen Autoren. Die allgemeine Furcht, in der gegenseitigen Feindseligkeit sein eigenes Selbstverständnis als Nation bedroht zu wissen, erfasst auch die israelischen Leser. Dass nicht nur der neue Roman "Verse auf Leben und Tod" von Amos Oz - der schon in den Siebzigerjahren die israelische Friedensbewegung Schalom achschaw (Frieden heute) mitbegründete - viel Beachtung unter den Lesern findet, sondern auch der bereits vor zwei Jahren erschienene Roman "Ein schönes Attentat" von Assaf Gavron immer noch mit den Spitzenpositionen in den israelischen Charts gewürdigt wird, mag ein Beweis dafür sein.
Der 40-jährige Tel Aviver Assaf Gavron hat bislang drei Romane veröffentlicht. Und in jedem von ihnen versuchte er, durch einen vordergründig "leichten" Plot einen Einblick in die Hintergründe der komplexen, israelisch-palästinensischen Verhältnisse zu geben. Auch in seinem jüngsten Buch "Ein schönes Attentat" verbindet er zwei Schicksale: das des Israelis Eitan Einoch, der drei Anschläge überlebt, und das des palästinensischen Attentäters Fahmi Sabih, der ohne sein Wissen einer Terrororganisation angehört.
Der Palästinenser Fahmi war an den Anschlägen, die der Israeli Eitan überlebte, beteiligt. Aber nun liegt Fahmi im Koma, unbeweglich und von seinen Leidensphantasien gepeinigt. Währenddessen Eitan unter Schock steht, ohne zu wissen, wie er weiter leben soll. Zwei Opfer eines Krieges - ohne Ressentiments gelingt es Assav Gavron, sowohl Eitans als auch Fahmis Angst, Wut und Verzweiflung zu zeigen.
Ob der ewige Konflikt zwischen zwei verbrüderten Völkern jemals friedlich gelöst werden kann? Meir Shalev hat in seinem wundervollen Roman "Der Junge und die Taube" - der bereits seit über einem Jahr auf den Bestsellerlisten steht - diese Frage mit der für ihn eigenen poetischen Deutlichkeit thematisiert. Mit der Geschichte über den Taubenzüchter Baby und seinen Sohn Jair hat er gleichzeitig auch ein Plädoyer für das Recht seines Volkes auf die Heimat geschrieben. Dringlicher und sinnbildlicher ist die Sehnsucht der Juden nach der Heimat in der israelischen Literatur noch nie beschrieben worden: "Eine Brieftaube. Alles, was sie will, ist heimkehren", heißt es gleich zu Anfang. Ein Dach über dem Kopf zu haben, nach Hause zu kommen, ist auch das ewige jüdische Ziel.

Stolz auf das Überlebenswunder
Trotz der sechs Kriege, zwei Libanon-Invasionen, zwei Intifadas und permanenter Terrorgefahr sind die Israelis auf die Existenz ihres eigenen Staates stolz - auf das Überlebenswunder, das sie selbst "Israel 2008" nennen.
Die Europäer haben oftmals Schwierigkeiten, es zu verstehen. Vor wenigen Tagen erst ging der britische Jude und Literaturnobelpreisträger Harold Pinter in seinem Unverständnis sogar soweit, dass er einen von mehreren britischen Intellektuellen verfassten und im "Guardian" veröffentlichten Brief unterzeichnete, in dem er sich aufgrund der Politik Israels in den besetzten Gebieten weigert, dessen Staatsgründung zu feiern.
Offenbar prägt der Nahostkonflikt auch die Rezeption der israelischen Gegenwartsliteratur im Ausland. Neulich sorgte der Gastauftritt Israels auf dem 28. Salon du Livre in Paris für Boykottaufrufe arabischer Länder und für heftige Diskussionen in den Medien, obwohl sich unter den 39 israelischen Autoren etliche Friedensvorkämpfer fanden, von Amos Oz über A. B. Yehoshua bis hin zu David Grossman, der in seinem neuen Essayband "Die Kraft zur Korrektur" an seine Regierung appelliert, den 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels als Anlass für die Aufnahme der Friedensgespräche mit den Palästinensern zu nehmen.
Die israelischen Leser selbst haben sich mittlerweile an (Vor)Urteile über ihre Heimat gewöhnt. Was sie aber nicht daran hindert, den israelisch-palästinensischen Konflikt als Hauptthema der literarischen Auseinandersetzung in ihrem Land anzunehmen, unabhängig davon, wie weit die Friedensvisionen der Autoren von der Realpolitik entfernt sein mögen.
(Die Kolumne erschien am 9. Mai 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)

Bestseller in Israel

1 Amos Oz Verse auf Leben und Tod (Charusej haim ze hamazet)
2 Assaf Gavron Ein schönes Attentat (Tanin pigua)
3 Yoram Kaniuk Der letzte Berliner (Ha berlinai ha acharon)
4 Ram Oren Mein geliebter Feind (Ahuvi ojvi)
5 Meir Shalev Der Junge und die Taube (Yona we Naar)

Die Bestenliste wurde ermittelt vom Stemazkij Buchhaus in Tel Aviv