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Nabokov, Vladimir

Liebesgeschichten aus Berlin

Einführung in die 50teilige Serie

Von Marina Neubert

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Aber jede literarische Geschichte ist immer auch eine Liebesgeschichte - selbst wenn es den Autoren in ihren Romanen oder Erzählungen auf den ersten Blick gar nicht um die Liebe geht.

In seinem Großstadtklassiker "Berlin Alexanderplatz" (1929) schien es Alfred Döblin am wenigsten zu interessieren, bei wem das Herz des aus der Haft entlassenen Transportarbeiters Franz Biberkopf höher schlug. Vielmehr beschäftigte den Autor die Frage, ob seine literarische Figur wieder ins zivile Berliner Leben der 20er-Jahre zurückfinden würde.

Doch schieben wir die soziale Identitätssuche einmal beiseite: Jener Franz Biberkopf kam nicht umhin, seine wieder gewonnene Freiheit wegen der Prostituierten Mieze erneut aufs Spiel zu setzen - er wurde ihr Zuhälter. Und was passierte im Endeffekt? Was stellte sein Leben wieder vom Kopf auf die Füße? Was brachte ihn zu den großen Erkenntnissen des Lebens? Miezes Tod - und damit das tragische Scheitern seiner Liebe.

"Die Liebe gehört zum Leben, genauso wie blaue Abende zu Berlin gehören, sogar wenn man beides zu vermeiden versucht", soll Vladimir Nabokov einem Leser seiner 1926 in Berlin entstandenen Liebesgeschichte "Maschenka" gesagt haben. Der Verehrer bat ihn um ein Autogramm - das war 1937, kurz bevor Nabokov samt seiner jüdischen Frau Vera und Sohn Dmitri nach fünfzehn Jahren im Berliner Exil Nazi-Deutschland den Rücken kehrte.

Es klingt so einfach: Alles ist Liebe. Denn "wer nicht liebt", wie der große Schweizer Dichter Robert Walser ebenso während seiner Berliner Jahre einmal gestand, "hat kein Dasein, ist nicht da, ist gestorben." Und wäre ein Toter - mit Stillstand des Herzens und in der Seele - imstande, Romane zu schreiben? Natürlich nicht. Dabei war es Walser vollkommen gleich, um welche Art Liebe es sich handelte. In seinen "Liebesgeschichten", die er zum Teil in Berlin zwischen 1905 und 1913 verfasste, meinte er viel mehr "die allgemeine Erregbarkeit der Seele, die Fähigkeit zu lieben." Frühestens seit Platons "Gastmahl" und spätestens nach Stendhals "Über die Liebe" wissen wir, dass es viele Arten der Liebe gibt. Denn die menschliche Seele ist zu vielfältigsten Gefühlsregungen fähig. Um Nächstenliebe geht es in Monika Marons "Ach Glück", um Freundesliebe in Reinhard Jirgls "Abtrünnig", um Elternliebe in Gertrud Kolmars "Die jüdische Mutter", um Schwesterliebe in Julia Francks "Die Mittagsfrau", um Kinderliebe in Erich Kästners "Pünktchen und Anton" - nur um neben Alfred Döblin, Vladimir Nabokov und Robert Walser auch weitere Autoren aus der morgen beginnenden Literaturserie zu nennen.

Doch zugegeben: Die meisten der insgesamt fünfzig "Liebesgeschichten aus Berlin" sind Romane und Erzählungen, die sich der bekanntesten, der romantischsten Spielart der Liebe widmen: der Partner-Liebe.

Keine Liebe ist in der Literatur so stark präsent wie die zwischen Mann und Frau. Die schönsten Bücher aller Zeiten leben von der Symbiose der Illusionen, Hoffnungen, Erwartungen auf Zweisamkeit und dem Scheitern der Liebe. Einige davon bleiben genau aus diesem Grunde zeitlos. So wurde Ulrich Plenzdorfs Filmerzählung "Die Legende von Paul und Paula" (1974), die große Liebesgeschichte aus dem Ostteil Berlins, trotz aller ideologischen Hindernisse zum romantischen Liebes-Kult der siebziger Jahre - und ist bis heute beliebt.

Die meisten Autoren, dessen Liebesgeschichten in den nächsten Wochen vorgestellt werden, leben oder lebten ebenso wie ihre Protagonisten in Berlin. Andere Autoren hielten sich nur zeitweilig in Berlin auf, jedoch lange genug, um ihr Herz an die Stadt zu verlieren. Von weit her kam der junge Arzt Mori Ogai, um in Berlin seine Kenntnisse bei Robert Koch zu vertiefen. Beiläufig schrieb er eine Erzählung über die scheiternde Liebesbeziehung eines Japaners in Berlin: "Das Ballettmädchen" (1890) prägte das literarische Berlin-Bild in Japan - und das in belesenen Kreisen bis heute.

Und - was am häufigsten der Fall war - die Autoren, wozu auch Uwe Johnson mit "Zwei Ansichten" und Cees Nooteboom mit "Allerseelen" gehören, ließen ihre Geschichten gleich in Berlin spielen. Es ist weit mehr als nur eine Kulisse, als ein Stadtplan. Denn die Liebesgeschichten aus Berlin unterscheiden sich schon ein wenig von denen aus anderen Metropolen. "Liebe aus Berlin" ist nicht verloren inmitten eines chaotischen Treibens in einer Metropole aus Aluminium, Glas und Beton, wie wir eine "Großstadtliebe" etwa aus Michelangelo Antonionis filmischem Klassiker "La Notte" kennen. Ganz im Gegenteil: Die Liebe in Berlin scheint suchender, hilfloser, ja zerbrechlicher als anderswo zu sein. Es ist eine Art ewig pubertierender Liebe, die obendrein immer wieder in die Zeiten politischer Umbrüche gerät.

In die bedrohliche Atmosphäre der deutschen Hauptstadt in den Dreißigerjahren schickt Christopher Isherwood in seinem Unterhaltungsklassiker "Leb' wohl Berlin" (1949) seine männliche Hauptfigur. Den Stoff von "Leb' wohl Berlin" verarbeitete John Kander zum Musical "Cabaret". Und nach der mit acht Oscars ausgezeichneten Verfilmung (1972), die die Hauptdarstellerin Liza Minnelli zum Weltstar machte, wurde auch Isherwoods Roman zur meistgelesenen Berliner Liebesgeschichte im englischsprachigen Raum.

Morgen werden Sie im ersten Teil unserer Serie der exzentrischen Nachtklub-Sängerin Sally Bowles begegnen, die sich in den Amerikaner Cliff Bradshaw unglücklich verliebte. Aber bitte nicht vergessen, weder morgen noch an den folgenden Tagen: Sogar wenn eine Liebe am Ende scheitert, bleibt jede Geschichte immer eine Liebesgeschichte.

Büchertisch bei Dussmann - das KulturKaufhaus Alle Bücher, die ab morgen in unserer Serie vorgestellt werden, finden Sie bei Dussmann - das Kulturkaufhaus in der Friedrichstraße 90.

(Der Auftakt zur 50-teiligen Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 11. Juli 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)