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Niederländische Bestseller 2007

Im Land der unerfüllten Träume – Niederländer lesen gern Bücher über das Zusammenleben der Kulturen. Die Bestseller im Januar 2008

Von Marina Neubert

Die Holländer hatten einmal den schönen Traum vom friedlichen Zusammenleben der Kulturen. Als jedoch vor drei Jahren der islamkritische Filmemacher Theo van Gogh von einem Islamisten erschossen wurde, flog dieser Traum wie ein Drachen auf und davon. Seitdem trauert die Nation ihm hinterher und interessiert sich für Bücher, die sich mit den tragischen Folgen der menschlichen Unduldsamkeit beschäftigen. Die beiden Afghanistan-Romane von Khaled Hosseini - der von Marc Forster just verfilmte Weltbestseller "Der Drachenläufer" sowie sein letztes Buch "Tausend strahlende Sonnen" - führen die Bestellerliste in Niederlanden (siehe unten) an.

Hinter dem auffälligen Interesse der holländischen Leser an den Einzelschicksalen der Hauptfiguren in Hosseinis Romanen, die an den Folgen der Intoleranz und des religiösen Fanatismus leiden, scheint sich ihre Ratlosigkeit im Umgang auch mit den eigenen Vorurteilen zu verbergen. Das, worauf sie früher mal so stolz waren - auf die lange Tradition des gegenseitigen Respekts zwischen Christen und Muslimen -, wird wohl in der näheren Zukunft kaum möglich sein.

Seit Jahren ist das Land vom gegenseitigen Misstrauen geplagt: Je massiver holländische Muslime auftreten, desto entschiedener wächst der religiöse Fundamentalismus westlicher Machart. Deshalb ist es verständlich, dass der neue Roman des Niederländers Jan Siebelink "Im Garten des Vaters" (Arche, Zürich), der vor dem aufkeimenden christlichen Extremismus entschieden warnt, zum drittwichtigsten Buch des Monats erkoren wurde.

Siebelink, 1938 im holländischen Velp geboren, erzählt die Geschichte von Hans Sievez, der als junger Mann seinem religiös fanatischen Elternhaus entflieht, um sich zusammen mit seiner Frau Margje eine Existenz als Gärtner aufzubauen. Doch der geschäftliche Erfolg bleibt aus. Und just in dieser schwierigen Zeit taucht Jozef Mieras auf, Laienprediger der calvinistischen Freikirche, der den beiden das Paradies auf Erden verspricht. Margjie lässt sich nicht beirren, während Hans immer stärker in einen religiösen Wahn getrieben wird. Letztendlich opfert er seine Familie und sein eigenes Leben den Glaubensbrüdern. "Im Garten des Vaters" ist ein wunderbar erzähltes und zugleich warnendes Buch: Jeder Mensch, und das ist Siebelinks beklemmende Botschaft, ist in brenzligen Situationen gefährdet, sein Schicksal in die Hände der vermeidlichen Retter zu übergeben.

Die religiöse Verblendung kann dabei noch gefährlicher werden, wenn sie zum politischen Fanatismus avanciert. Dieser fasste in den letzten Jahren bedauerlicherweise auch in den Niederlanden Fuß. Am heutigen Freitag zum Beispiel soll im holländischen Fernsehen der umstrittene Anti-Koran-Film des Rechtspopulisten Geert Wilders ausgestrahlt werden. Die niederländische Regierung befürchtet Ausschreitungen wie im dänischen Karikaturenstreit. Und die Königin Beatrix warnte kürzlich die Filmemacher vor "Grobheiten in Wort und Tat". Wird nun der holländische Traum vom friedlichen Miteinander der Kulturen endgültig zu einem Drachen, der niemals wiederkehrt?

(Die Kolumne und die Top5 erschien am 25. Januar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)

Niederländische Top 5

1 Der Drachenläufer (De vliegeraar) Khaled Hosseini.

2 Tausend strahlende Sonnen (Duizend schitterende zonnen) Khaled Hosseini.

3 Im Garten des Vaters (Knielen op een bed violen) Jan Siebelink.

4 Nachtzug nach Lissabon (Nachttrein naar lissabon) Pascal Mercier.

5 Harry Potter und die Heiligtümer des Todes J. K. Rowling.

Die Bestenliste wurde ermittelt von der niederländischen Buchhandlung Selexyz