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Polnische Bestseller

Im Land der Unruhigen

Über den Bestseller „Angst“ von Jan Tomasz Gross wird in Polen heftig gestritten

Von Marina Neubert

Das umstrittene Buch des in Amerika lebenden polnischen Historikers Jan Tomasz Gross "Angst. Antisemitismus in Polen nach dem Krieg. Geschichte eines moralischen Niedergangs" besetzt bereits seit einem Monat die besten Positionen in den polnischen Bestsellerlisten. Das Erscheinen des Buches im Krakauer Verlag "Znak" wurde überall im Land als ein Znak (ein Zeichen) der Herausforderung aufgenommen, sich diesem heiklen Kapitel der polnischen Geschichte zu stellen. Vor zwei Jahren, noch bevor das Buch auf Polnisch erschien, hatte das Parlament auf die englische Erstausgabe mit der Verabschiedung des sogenannten "Lex Gross" reagiert: Seitdem werden all jene mit einer Freiheitsstrafe bedroht, die "öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt."

Schwere Vorwürfe gegen die Mitbürger

Nun ist das Buch in Landessprache erschienen und die polnischen Eliten demonstrieren ihre Empörung gegen Gross' Vorwürfe an die Nation: Es gibt fast keine einzige große Zeitung im Nachbarland, die in den vergangenen Wochen nicht einen prominenten Historiker im Widerspruch zitiert hätte. Die behaupten, dass Gross' Darstellungen zum Teil falsch seien und sich insgesamt gegen Polen richteten.

Jan Tomasz Gross, der 1968 nach dem Aufführungsverbot einer Inszenierung der "Totenfeier" von Adam Mickiewicz und der darauf folgenden antisemitischen Hetze seine Heimat verlassen musste, verweist in seinem neuen Buch unter anderem darauf, dass die Ermordung der Juden in Polen - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern - ganz offen vor den Augen der nichtjüdischen Bevölkerung stattgefunden habe. Die antisemitischen Exzesse seien demnach keine Erscheinung am Rande der polnischen Gesellschaft gewesen, behauptet er.

Ein heikles, heißes Thema für Polen, wo die meisten NS-Vernichtungslager angesiedelt waren und wo die Nachkriegspogrome von Kielce (1946) oder die entbrannte Jedwabne-Debatte von 2001 die Nation schon mehrmals in Erklärungsnot brachte.

Zerstört den Opfermythos der Nation

Außerdem rüttelt Gross an dem über Jahrhunderte gepflegten Opfermythos der Nation, zerstört das heilige Bild von den Polen als Widerstandskämpfern und nimmt die Gesellschaft kollektiv in die Verantwortung für das, was mit den polnischen Juden geschah. Deshalb ist es kein Wunder, dass seine Anschuldigungen das Land erneut in Unruhe versetzen und sein Buch, das er selbst zwar in Englisch verfasst, aber nur für seine Landsleute gedacht hat, so leidenschaftlich diskutiert wird.

Kürzlich fand in Warschau eine hochrangige Tagung statt, die sich dem polnischen Jahrestag der antisemitischen Kampagne von 1968 und ebenso der Auseinandersetzung mit den Thesen von Jan Tomasz Gross widmete. Vor den Toren des Nationaltheaters, wo die Konferenz stattfand, gab es mehrere Bücherstände.

Auf einem der Tische lagen zwei große Bücherstapel. Einerseits der Bestseller von Gross, andererseits Werke der polnischen Autoren wie Henryk Grynberg, Wilhelm Dichter, Andrzej Szczypiorski, die ihre Verpflichtung darin sehen, genau über dieses Kapitel der Vergangenheit ihrer Nation zu wachen.

(Die Rezension erschien am 28. März 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)