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Spanische Bestseller 2008

Im Land der Stolzen - Die Spanier lesen gern Geschichten über ihre heroische Vergangenheit (April 2008)

Von Marina Neubert

Die Spanier sind ein stolzes Volk. Vor allem auf ihre eigene Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit sind sie stolz. Und auf den Himmel über ihren Köpfen, der in Madrid angeblich der höchste in ganz Europa sein soll. Auf jeden Fall behauptete es einmal die berühmte Madame d'Aulnoy, von der die Spanier nach wie vor schwärmen. Ja, und natürlich auf ihre Literatur sind sie mächtig stolz: Nicht nur auf die altbewährten Cervantes, Lorca und Co. sondern auch auf die modernen, spanisch schreibenden Autoren (siehe Bestseller rechts). Unabhängig davon, wie moralisch scharf der ein oder andere mit seinem eigenen Land ins Gericht geht.
Monologe im Bordell der Toten
Dass der 1954 geborene Carlos Eugenio López es mit seinem bereits vor sieben Jahren erschienenen Erzählband "Bordell der Toten" (auf Deutsch ist das Buch kürzlich im Verlag Kein & Aber herausgekommen) immer noch auf die Bestsellerliste schafft, grenzt schon an ein kleines Wunder. Der scharfsinnige López greift in seinen Geschichten, die meistens als Monologe aufgebaut sind, genau das Pathetisch-Patriotische an, worauf die Spanier eigentlich so stolz sind. Er macht sich lustig über das historische Bewusstsein seines Volkes und führt es ins Groteske: "Spanier!", lässt er eine seiner Figuren aufrufen, "Wenn wir wollen, dann können wir auch. Die Zukunft liegt in unseren Händen. Stimmt für die Zukunft! Stimmt für die Toten von Spanien!"
Und was entgegnen ihm die Spanier? Sie kaufen ungebrochen sein Buch.
Zum Reichtum verhelfen die Leser dem Verlag Grijalbo, indem sie innerhalb von kurzer Zeit den historischen Roman "Die Kathedrale des Meeres" von Ildefonso Falcones de Sierra zur 45. Auflage brachten. Mehr als zwei Millionen Exemplare von dem mittlerweile in 30 Ländern erschienenen Bestseller wurden allein in Spanien verkauft. Und worum geht es in dem mächtigen Wälzer, an dem sein Autor über fünf lange Jahre gearbeitet hat? Natürlich um den spanischen Stolz: Falcones de Sierra widmet den Roman seinem Volk, das es geschafft hat, eine der schönsten gotischen Kathedralen der Welt zu bauen: Die berühmte La Catedral am Platz Pla de la Seu in Barcelona.
Rückeroberung durch die Christen
Auch der spanische Dorfpfarrer Jesus Sanchez Adalid, der vor einem Jahr für seinen ebenso historischen Roman "Die Seele der Stadt" einen der bedeutendsten Literaturpreise Spaniens, den mit 120 000 Euro dotierten Fernando-Lara-Preis erhielt, wird von den Lesern bereits in der 5. Auflage gewürdigt. Adalid erzählt eine Geschichte, die in der Zeit der Rückeroberung Spaniens durch die Christen angesiedelt ist.
Die Spanier lesen gerne Geschichten über ihre alten Helden. Doch der Vorwurf, den Carlos Eugenio López in seinem Erzählband "Bordell der Toten" den Landsleuten macht, sie würden sich am liebsten nur über ihre heroische Vergangenheit definieren, eben über starke Kriegsmänner, stimmt wohl nicht so ganz. Kürzlich wurde die hochschwangere Carme Chacón zur ersten Verteidigungsministerin in Spaniens Geschichte berufen. Das Volk strömte auf die Straßen, ließ die Korken knallen - und platzte vor Stolz auf die "moderne Demokratie".

(Die Kolumne erschien am 25. April 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)



Bestseller in Spanien – im April 2008

1. Die Kathedrale des Meeres (La catedral del mar) Ildefonso Falcones.

2. Die Seele der Stadt (El alma de la ciudad) Jesus Sanchez Adalid.

3. Die Summe der Tage (La suma de los dias) Isabel Allende.

4. Bordell der Toten (Burdel de muertos) Carlos Eugenio López.

5. Die Wohlgesinnten (Las Benévolas) Jonathan Littell.

Die Bestenliste wurde durch die Las Palmas Großbuchhandlung ermittelt