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Dmitrij Schostakowitsch zum 100.

Die jungen Jahre des Dmitrij Schostakowitsch: Eine optimistische Tragödie - Betrachtungen zum 100. Geburtstag des Komponisten

Von Marina Neubert
 
"Was für ein Glück für eine einfache jüdische Schusterfamilie! Unsere Söhne sind Ärzte geworden! Ärzte, Ärzte!"
 
1955. Premiere des Vokalzyklus "Aus der jüdischen Volkspoesie" im kleinen Saal der Leningrader Philharmonie. Am Klavier - Dmitrij Schostakowitsch. Es erklingt das finale Fortissimo. Danach anstatt fröhlichem Applaus - Totenstille.
Das Publikum ist erschüttert. Zu frisch im Gedächtnis ist noch die letzte Stalinsche Bluttat: Der Prozess gegen eine Gruppe Leningrader Ärzte von 1952, die angeblich gegen Stalin ein Attentat geplant hatten.
 
"Ja, ja, ja... Es war eine unglaubliche Vorsehung, unvorstellbar! Wissen Sie, ich habe auch schon mal darüber geschrieben. O, wej! Unsere Söhne sind Ärzte geworden! Es ist eine grausame Ironie des Schicksals gewesen. Schostakowitsch hat den Zyklus 1948 komponiert, als die antisemitische Kampagne gegen den Kosmopolitismus in der Sowjetunion erst begann. Damals konnte er noch nicht wissen, was mit den Ärzten 1952 passieren würde. Ja, das ist eine Art historischer Vorsehung gewesen, die es uns möglich macht, über seine hellseherischen Fähigkeiten zu sprechen. Ja, vielleicht war er ein Prophet."
 
Leonid Girshovich, Schriftsteller und Musiker, Autor bedeutender Bücher über Dmitrij Schostakowitsch, sieht in dem Komponisten einen Deuter seiner Epoche. Er habe die Zeit in seinen Werken gedeutet, ohne es selbst zu ahnen.
 
"Ich habe darüber nachgedacht, was wäre aus Schostakowitsch geworden, wenn es diese schreckliche Zeit nicht gegeben hätte? Und ich denke, dass der Schostakowitsch, der in seinem Charakter sehr viele selbstzerstörerische, gar masochistische Züge hatte, sich tatsächlich nur in dieser schrecklichen Zeit entwickeln konnte. Er konnte sich am besten entfalten in einem Land der Demütigung! Es gibt Schöpfer, Künster die sich entfalten, wenn sie gedemütigt werden, wenn sie leiden. Ja, Schostakowitsch zerbrach und litt darunter. Aber diese Leiden verursachte in ihm die kreativsten und schöpferischsten Impulse."
 
1925. Der sensationelle Erfolg seiner 1. Sinfonie in f-Moll verschaffte Schostakowitsch im Alter von nur 19 Jahren den Abschluss am Konservatorium - und weltweite Anerkennung. Die Sinfonie wurde am 12. Mai 1926 von der Leningrader Philharmonie unter der Leitung von Nikolaj Malko uraufgeführt. Der zweite Satz wurde als Zugabe zwei Mal gespielt Leonid Girshovich:
 
"Über die erste Sinfonie kann ich nur eins sagen: Sie ist atemberaubend! Faszinierend, frisch! Und immer, wenn ich sie höre, habe ich das Gefühl: Das ist ein ganz anderer Schostakowitsch! Ein freier Mensch, dessen Leben ganz anders verlaufen wäre, wenn er nicht in diese grässliche Epoche hinein geboren wäre. Und genau so war auch seine erste Sinfonie: Es war eine Sinfonie eines freien Menschen! Eines jungen Träumers, der gerne und genüsslich lebte. Er liebte das Leben! Er liebte Frauen, er liebte Wein, er liebte Partys. Genauso wie viele andere in seiner Umgebung war er damals voller Hoffnung. Die Jugend, das Glück, die Freude der ersten Sinfonie, aber auch vieler seiner Klavierkonzerte, zeigen uns einen anderen Schostakowitsch: Einen glücklichen, fröhlichen Menschen."
 
Ungezwungen, frei floss ihm die erste Sinfonie aus der Feder. Die sowjetischen Zeitungen schrieben über "die Geburt eines großen Komponisten der neuen Zeit". Aber der 19-Jährige, der zwischen dem Futurismus und Symbolismus pendelte und mit der Atonalität experimentierte, nahm diese "neue Zeit" damals nur wenig wahr: Als irgendeine weit entfernte Außenwelt, die seine eigene Welt kaum berührte.
 
Bis diese angeblich "weit entfernte" Außenwelt in seine Innenwelt hinein polterte, mit der Aufdringlichkeit eines nicht geladenen Gastes. Lew Schulgin, Leiter der Musikabteilung des Staatsverlags der Sowjetunion, suchte Dmitrij Schostakowitsch im März 1927 auf: Der Komponist bekam die Anweisung, für die Feierlichkeit zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution eine Art Hymne zu schreiben. Er nahm den Propaganda-Auftrag an.
 
Der 21-jährige Schostakowitsch war nicht bereit, auf ein öffentliches Leben zu verzichten. Doch deses mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu vereinbaren war er noch nicht in der Lage. Er fühlte sich hin und her gerissen. In einem Brief an seinen Freund Lew Oborin schrieb er:
 
"Was bleibt mir noch übrig? Ich muss doch Geld verdienen! Gestern wurde meiner Mutter die Stelle gekündigt. Wir haben überhaupt kein Geld. Aber wir müssen doch etwas essen! Und Notenpapier brauche ich auch! Alles ist fürchterlich, fürchterlich! Und die revolutionären Texte von Alexander Besimenskij für die Sinfonie sind noch fürchterlicher! Was bleibt mir übrig? Ich komponiere trotzdem. Zähneknirschend, wie du weißt..."
 
Mit der 2. Sinfonie "An den Oktober" in H-Dur beginnt das Doppelleben des Dmitrij Schostakowitsch. Zwei Sprachen musste der Komponist fortan beherrschen: Die Sprache des politischen Alltags und die Sprache seiner inneren Wahrheit. Beide Sprachen lernte er im Laufe der Zeit perfekt einzusetzen.
 
Er vereinbarte das Unvereinbare. Seine erste Frau Nina Warsar erinnerte sich, dass er sich einmal die Ohren zuhielt und sie bat, sie solle das Fenster schließen. Sie erzählte, kurz darauf habe man draußen tatsächlich geschossen. Er war ein wachsamer Seher, der den Sturm in der Stille hören konnte. Und er war ein ergebener Blinder, der die offiziellen Beschlüsse und die nicht offiziellen Schmähschriften der Kommunistischen Partei demütig unterschrieb. Er war ein Aufrührer mit Freiheitsidealen, der sich für die Rehabilitation der verhafteten Schriftstellerin Galina Serebrjakowa und des Theaterregisseurs Vsevolod Mejerchold mutig und selbstlos einsetzte. Und er war ein Hofnarr, der sich in der Theaterloge vor Josef Stalin ehrerbietig verbeugte und die Augen halb geschlossen hielt, um mit seinem Blick den "roten Zaren" nicht zu verärgern. Er war zerbrechlich, schwach, verschlossen und naiv wie ein Kind. Und er war hart, bissig, nachtragend und despotisch.
 
Er war die Einheit der Gegensätze. Und in diesem Sinne: Ein Mitglied der Intelligenzia in der Stalinzeit, ein antisowjetischer Sowjetmensch. Und sein ganzes Streben war nichts anderes als die Balance zwischen den beiden Gegensätzen in sich selbst zu erlangen. Mit dem Ziel, das er 1936 in einem Brief an Isaak Glikmann selbst definierte:
 
"Wenn man mir die beiden Hände abhacken würde, würde ich trotzdem komponieren. Ich würde mir den Federhalter zwischen die Zähne stecken und Musik komponieren. Musik!"
 
In seiner Musik vereinbarte er ebenso das Unvereinbare: Bereits 1927 arbeitete er parallel zu der offiziellen Auftragssinfonie "An den Oktober" an seiner satirischen Oper "Die Nase" nach der Novelle von Nikolaj Gogol. Die Lüge wurde zur Existenzberechtigung der Wahrheit.
 
Sein Held Kovaljew wacht eines Tages ohne Nase auf. Trotz aller Bemühungen ist sie nicht wieder aufzufinden. Verzweifelt läuft er der Nase nach, wird zum Außenseiter. Denn die Gesellschaft lehnt ihn ohne seine Nase ab.
 
Schostakowitschs Freunde sahen in Kovaljew ihn selbst. Solomon Volkov sprach sogar davon, dass diese Oper eine Art künstlerisches Manifest des Komponisten war, in dem er zum ersten Mal zeigte, wie sehr er unter der erzwungenen Anpassung im Sowjetstaat litt. Musikalisch gesehen war "Die Nase" eine Explosion: Schostakowitsch präsentierte nicht nur ein neues Tempo, eine neue Ironie, sondern auch das erste lange Schlagzeugsolo der europäischen Musik. Selbst György Ligeti sprach voller Bewunderung über dieses Stück.
 
Doch der nächste offizielle Propagandaauftrag der Regierung ließ nicht lange auf sich warten. Schostakowitsch setzte die "unechte Nase" wieder auf und komponierte im Jahre 1929 die 3. Sinfonie in Es-Dur "Zum 1. Mai", eine Hymne für die Solidarität des internationalen Proletariats. Die Texte für den Chor schrieb diesmal ein anderer proletarischer Autor - Semjen Kirsanow, über den der Komponist sagte:
 
"Seine Texte sind noch fürchterlicher als die von Besimenskij, noch fürchterlicher!"
 
Doch Schostakowitsch wäre nicht er selbst gewesen, wenn er nicht sogleich nach der politisch korrekten Sinfonie zu seiner "wahren Sprache" zurück gewechselt wäre. Er begann an der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" zu arbeiten und beendete sie 1932. Lady Macbeth hätte ihn das Leben kosten können.
 
Er widmete die Oper seiner Frau Nina Warsar, deren leidenschaftliche Charakterzüge seine Heldin Katerina Ismajlowa erhielt. Eine tragische Figur, verzweifelt, hoffnungslos. Um mit ihrem Liebhaber Sergej zusammen zu kommen, begeht sie zwei Morde. Dafür muss sie den Rest ihres Lebens in einem Zuchthaus in Sibirien verbringen.
 
Am 26. Januar 1936 besuchte Stalin die Aufführung der Oper im Bolschoi-Theater. Es wurde berichtet, dass er sich während einer freizügigen Liebesszene mitten in der Vorstellung erhob und mit den Worten "Man muss ihn stoppen!" das Theater verließ. Dieses Ergebnis kam im damaligen Klima der nächtlichen Verhaftungen und permanenten Angst einer Katastrophe gleich. Zwei Tage danach erschien in der "Prawda" der Verriss "Chaos statt Musik" über Lady Macbeth. Dem Komponisten wurde eine disharmonische, chaotische Flut von Tönen, Bruchstücken von Melodien, Gepolter, Geprassel und Gekreisch vorgeworfen. Alle Aufführungen der Oper wurden gestoppt. Kurz darauf erschienen vernichtende Kritiken auch auf sein Ballett "Der helle Bach". Schostakowitsch war in Ungnade gefallen.
 
Die nächsten Monate schlief er in seinen Kleidern mit einem kleinen Koffer unter dem Bett, stets bereit, von der Geheimpolizei abgeholt zu werden. Doch die Geheimpolizei kam nicht. Stattdessen überbrachte der Regierungsreferent für Kultur, Kerschenzew, Stalins Botschaft an Schostakowitsch: Bei der nächsten Oper verlangte Stalin die Erstfassung des Librettos zu Ansicht, bevor sie aufgeführt werden konnte. Schostakowitsch stimmte zu und komponierte keine Oper mehr.
 
Die dunkle Wolke war einstweilen vorüber gezogen. Aber noch lange trug der Komponist in seiner Brusttasche den Ausschnitt aus dem Artikel "Chaos statt Musik". Auch ein Jahr später, als er 1937 auf der Insel Krim an der fünften Sinfonie zu arbeiten begann, konnte er sich von seinem "Anti-Talisman" nicht trennen.
 
Die 5. Sinfonie veränderte nicht nur das Leben von Dmitrij Schostakowitsch. Sie zeigte vor allem einen veränderten Schostakowitsch. Einen Schostakowitsch, der in der Lage war, endlich eine Entscheidung zu treffen. Die Fünfte beendete ein für alle Male sein jahrelanges Pendeln zwischen der Sprache des politischen Alltags und der Sprache seiner inneren Wahrheit, zwischen dem Zulässigen und Unzulässigen. Mit dieser Sinfonie gelang es dem Komponisten, diese beiden Gegensätze in seiner Musik zu vereinen.
 
Er komponierte eine erschütternde Trauerrede und verschleierte sie in den Worten "die schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf eine berechtigte Kritik". Sein gewaltiges Largo und die heiter geschminkte Tragödie des Finales brachten zum Ausdruck, was in Worten nicht gesagt werden konnte: Das Marschfinale, das von der offiziellen Kritik als optimistische Verherrlichung der Sowjetmacht dargestellt wurde, war in Wirklichkeit ein Todesmarsch.
 
Nach der Aufführung am 21. November 1937 in der Leningrader Philharmonie schrieb die Malerin und Freundin von Schostakowitsch Ljubov Schaporina in ihr Tagebuch. "Das Publikum verstand alles! Es stand und weinte und wiederholte immer wieder den gleichen Satz: Er hat mit allen abgerechnet. Er hat es ihnen heimgezahlt!"
 
"Ich denke, dass man Schostakowitsch damals als Opfer des Regimes gesehen hat. Und anstatt ganz zu zerbrechen, sich ganz anzupassen, Stalins Stiefel zu lecken und anzufangen nur offiziöse, proletarische Musik zu schreiben, komponierte er die Fünfte, einen Aufruf gigantischen Ausmaßes. Er rächte sich an seinen Verfolgern, er rechnete mit ihnen tatsächlich ab! In der Fünften gelang es ihm, das Unvereinbare zu vereinbaren, die Balance zwischen dem Zulässigen und Unzulässigen zu finden. Und auf diese Art und Weise konnte er sich im Gleichgewicht halten."
 
Die Geschichte schrieb das Jahr 1937. Die Zeit des schlimmsten Terrors, der schlimmsten Menschenmorde, die die Sowjetunion unter Stalin je erlebt hat. Ein Trauerspiel, begleitet von fröhlichen Liedern, siegessicheren Paraden, hoffnungsfrohen Sportfesten. Eine optimistische Tragödie, in der Schostakowitsch fortan eine der Hauptrollen spielen durfte.
 
(Gesendet von Deutschlandradio Kultur am 15. Oktober 2006)