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Die in Deutschland lebende russische Komponistin Sofia Gubaidulina erhielt 1999 in Hamburg den Preis "Bibel und Kultur"

Von Marina Neubert
 
In Hamburg erhielt die in Deutschland lebende russische Komponistin Sofia Gubaidulina den Preis der Stiftung "Bibel und Kultur". Diesen mit 10000 Mark dotierten Preis vergibt das Deutsche Bibelhaus jährlich an Künstler, die sich mit biblischen Themen in zeitgenössischen Formen auseinandersetzen. Bisher erhielten den Preis u.a. der Choreograph John Neumeier, der Publizist Schalom Ben-Chorim, der Regisseur Kzrysztof Kieslowski. Sofia Gubaidulina ist die erste Frau, die mit dem Stiftungspreis geehrt wird. Sie gilt als eine Komponistin, die in ihren Werken immer wieder versucht, biblische Themen zu variieren und sie ins Moderne zu übersetzen. Die Internationale Bachakademie Stuttgart beauftragte sie vor kurzem für das Bachjahr 2000 mit der Vertonung der Johannespassion.
 
"Das ist meine Grundlage. Meine Liebe. Von Kindheit an und bis heute. Ich denke, wir entwickeln die klassische Musik weiter. Bloß bedienen wir uns dabei der modernen musikalischen Sprache. Aber das Geniale bleibt. Und immer wieder Bach. Für mich ist er das Ideal: Eine sehr stark vom Intellekt geprägte Arbeit, ein feuriges Temperament! Ich lerne von ihm und werde weiterhin von ihm lernen."
 
Sofia Gubaidulina wird am 24. Oktober achtundsechzig Jahre alt. Pardon, jung. Sie ist und bleibt jung. Denn sie besitzt die Fähigkeit zu lernen. Johann Sebastian Bach, Dmitrij Schostakowitsch und Anton Webern - ihre Klassiker. Sie hätten, wie Gubaidulina sagt, sie das Wichtigste gelehrt: Sie selbst zu sein.
 
Die Komponistin ist in Tschistopol, in der Tatarischen Republik der ehemaligen Sowjetunion geboren. Sie studierte Klavier und Komposition, unter anderem am Moskauer Konservatorium. In den sechziger Jahren lebte sie als freischaffende Komponistin in Moskau. Die sowjetische Kritik reagierte auf ihre Musik mit Skepsis. Ein Rezensent würdigte zwar ihre Begabung, beklagte aber, dass sie "das erfreuliche sowjetische Leben" nicht genügend darzustellen vermöge. Doch Dmitri Schostakowitsch selbst bestärkte die junge Komponistin, ihren Weg zu gehen.
 
Und sie ging ihren Weg: In der Sowjetunion offiziell abgelehnt, im Westen - verstanden und geschätzt. Hier wird Sofia Gubaidulina neben Schnittke, Denissow und Silwestrow zu den führenden Vertretern der Neuen Musik aus Russland gerechnet. Für ihre Symphonie "Stupeni" (Stufen) erhielt sie 1974 den ersten Preis beim 7. Internationalen Kompositionswettbewerb in Rom. Sie wurde unter anderem mit den Kompositionspreisen Prix de Monaco von 1987 und Premio Franco Abbiato von 1991 ausgezeichnet. Der Preis der Stiftung "Bibel und Kultur" ist die jüngste Auszeichnung für das Leben und Werk Sofia Gubaidulinas.
 
"In der Situation, in der wir heute leben - ich meine unseren Geist und unsere Seele - sehe ich sehr große Probleme. Ich sehe, dass dem Menschen seine geistige und seelische Aktivität verloren geht. Trotz der Dynamik des äußeren Lebens, schläft das innere, das geistige Leben ein. Und ich denke, die Kunst, besonders die Musik, kann dazu beitragen, die Seele des Menschen aufzuwecken. In diesem Sinne ist Komponieren für mich ein religiöser Akt. Jedes Werk ist wie ein neuer Weg zur "religio". Eigentlich zum "religio", dem Wiederherstellen einer Einheit, die im "staccato des Lebens" verloren geht."
 
Sofia Gubaidulina ist ein gläubiger Mensch. Ihre Partituren zeugen oft von der Beschäftigung mit mystischem Gedankengut und christlicher Symbolik. Sie beruft sich in ihrem Schaffen unter anderem auf gregorianische Gesänge und auf die Tradition ihrer russisch-tatarischen Heimat. "Unsere Kultur", - sagt Gubaidulina - "trug schon immer Züge, die im Westen kaum existieren. Vor allem dieses Nach-Innen-gekehrt-Sein." Sie gründete 1975, noch in der Sowjetunion, zusammen mit den Komponisten Wjatscheslaw Artjomow und Viktor Suslin die Gruppe "Astreja". Die Musiker improvisierten auf seltenen mittel- und ostasiatischen, russischen und kaukasischen Volks- und Ritualinstrumenten.
 
Aber Gubaidulina ist keine Nationalkomponistin. Sie ist eine Komponistin unserer Zeit. Sie beherrscht die Techniken der europäischen Avantgarde und ist mit der amerikanischen Szene vertraut. Typisch für Gubaidulinas Schaffen ist, dass es in ihren Werken immer etwas gibt, das über das rein Musikalische hinausgeht. Ein dichterischer Text, ein Ritual, eine instrumentale "Aktion".
 
"Ich denke, meine Musik ist vor allem eine Komposition. Aber eine Komposition, die ein Spiel beinhaltet. Die Initiative der Interpreten hat in diesem Spiel eine große Bedeutung. Ich biete den Interpreten die Möglichkeit an, zu improvisieren. Bei Proben meiner Stücke, an passenden Stellen, sage ich immer: "Vergesst für kurze Zeit den Notentext und improvisiert jetzt!" Dabei lasse ich jede Fantasie zu. Sogar jede Frechheit! Mich faszinieren solche Momente: Wenn die Musiker sich von allem befreien und sich von der Intuition leiten lassen."
 
Sofia Gubaidulina ist ein dankbarer Mensch. Sie ist den Musikern, die ihre Werke gedeihen lassen, dankbar. Dem Violinvirtuosen Gidon Kremer fühlt sie sich besonders verbunden: Durch seinen Einsatz Anfang der achtziger Jahre gelangten Gubaidulinas Stücke rasch in die westlichen Konzertprogramme. Daraufhin folgten zahlreiche Aufträge, unter anderem der Berliner Festwochen, der BBC, des Kölner Rundfunks, der Library of Congress.
 
"Ich verehre meine Interpreten. Ich liebe sie so sehr. Das sind ganz besondere Menschen. Sie lassen sich von der Skepsis in unserer Gesellschaft nicht einschüchtern. Misstrauen und Ungläubigkeit können ja die Seele zerstören, aber diese Menschen lassen sich davon nicht irritieren. Sie widmen sich der Musik selbstlos, aufopfernd. Und ich bewundere sie dafür."
 
(Der Beitrag wurde 1999 von NDR-Kultur gesendet)