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Jablonski, Peter

"Nur ein Diener "

von Marina Neubert

"Ich bin kein Interpret", Peter Jablonski öffnet den Deckel seines Flügels, "Ich bin nur ein Diener." "Von wem?" "Von Beethoven zum Beispiel, oder von Rachmaninow, von Debussy… Ich versuche den Partituren treu zu bleiben, mich als Person auszuschalten. Mehr nicht." "Aber wenn jeder Pianist den gleichen Text abspielen würde, ohne sich selbst einzubringen, gäbe es doch keinen Unterschied zwischen den Pianisten." "Das ist nicht wahr! Es gibt immer einen Unterschied und er besteht nicht darin, wie sehr der Pianist sich selbst einbringt, sondern darin, inwieweit er auf sich selbst verzichten kann." Peter Jablonski komponiert auch selbst. Und nur bei eigenen Musikstücken nimmt er sich die Freiheit, zu variieren. "Wissen Sie, was piano bedeutet? Leise, gedämpft. Für mich als Pianisten heißt es, sich dezent zu verhalten, hinter dem Komponisten zu stehen."

Jablonski ist Schwede. Er lebt mit seiner Frau, einer Klavierbegleiterin, und der kleinen Tochter in London. Seinen Tag beginnt er gern mit Tschaikowskys "Jahreszeiten". "Welchen Monat mag ich am liebsten? Den Oktober natürlich!" Den goldenen Herbst, mit einem dezenten Gelb in den Blättern, mit dem noch welken Laub auf der noch warmen Erde zieht Jablonski den anderen Jahreszeiten vor. Auch sein Spiel ist alles andere als kunterbunt und reißerisch. Es ist pastellfarben, ein Echo im Flüsterton, eine Art musikalischer Dichtung.

Nachdem er seine Tochter zur Schule gebracht hat, übt der Fünfunddreißigjährige in seiner Londoner Wohnung Debussys "L'isle joyeuse" ("Die Insel der Fröhlichkeit"), ein Bild dionysischer Freude, die im Meer versinkt. "Können Sie das Bild sehen?", fragt Jablonski. "Nein, ich höre es nur." "Schade. Wenn Sie es nur hören, dann habe ich schlecht gespielt… Sie müssen es sehen. Debussy wollte, dass man es sieht." Jeden Tag hat Jablonski fünf Stunden zum Üben, das freie Fenster, wie er scherzt, solange seine Tochter in der Schule ist. "Und dann?" "Dann bin ein ganz normaler Vater. Ich hoffe, ein guter." "Was bedeutet für Sie, ein guter Vater zu sein?" "Ich versuche, herauszufinden, was meiner Tochter gut tut. Ich will sie zu nichts zwingen. Sie soll ein freier Mensch sein." Jablonskis vierjährige Tochter übt gerne Klavier mit ihrem Papa und geht mit ihm zum Tennis. Noch hat sie nur einen kleinen Tennisschläger für Kinder. Aber das wird sich vielleicht schon bald ändern: Ein Talent für den Sport liegt ihr im Blut. Der Papa ist verrückt nach Tennis und ihr Onkel spielt in der schwedischen Nationalmannschaft.

Als Peter Jablonski für seine CD-Aufnahme von Rachmaninows Paganini-Rhapsodie den Edison Award und für die Uraufführung von Kilars Klavierkonzert beim Warschauer Herbst den renommierten Orpheus-Preis gewann, schrieben die Kritiker, dieser Künstler sei süchtig nach Poesie. Das Wort "süchtig" gefällt ihm nicht. "Ich suche in der Musik nach Bildern, die sich reimen, wie im Gedicht. Vielleicht deshalb spricht man über Poesie." Schon mit seinen ersten Auftritten als Teenager mit Aufführungen von Beethoven-Klavierkonzerten in Schweden, Dänemark und Polen legte Jablonski den Grundstein für seine internationale Solokarriere und die Zusammenarbeit mit führenden Orchestern und großen Dirigenten. Der Mariinskijchef Valery Gergiev: "Dieser junge Schwede spielt Skrjabin wie ein alter russischer Meister, der sein Leben lang nichts anderes kannte. Bei ihm sieht das skrjabinsche tempo rubato so aus, dass seine linke Hand den Puls hält und die rechte frei darüber spielt. Es ist außergewöhnlich und ich denke, Skrjabin selbst wäre beeindruckt gewesen."

Jablonski spricht nicht gern über seine Erfolge und Auszeichnungen. Das Lob seines geschätzten Kollegen nimmt er mit leisem Kopfnicken entgegen. "Lassen Sie uns lieber über Schweden sprechen." "Schweden? Aber Sie haben doch Schweden verlassen…" "Ich habe Schweden niemals verlassen! Meine Eltern leben dort, meine Geschwister, das sommerliche Kammermusikfestival von Karlskrona, das ich leite, ist dort. Nein, ich habe dieses Land nicht verlassen. Ich habe es einfach nach London mitgenommen, weil ich hier studiert habe. Und es ist wunderbar so." Seit vierzehn Jahren bewegt sich Jablonski zwischen zwei Welten: Der geordneten, geformten Londoner Musikwelt, seiner Wahlheimat, und der aufbrausenden, ja archaischen Welt der Klänge aus dem hohen Norden. "Wissen Sie, was für ein Gerücht sich auf dem Kontinent verbreitete, als die Armee des Schwedenkönigs Gustaf II. Adolf im Dreißigjährigen Krieg immer weiter vorrückte?", Jablonski lächelt, "Dass der Löwe aus Mitternacht einen Verband reitender Zauberer mit sich führe, Kreaturen vom Polarkreis, deren mystische Künste ihn unbesiegbar machten. Das war die magische Knappheit unserer Klänge…"

Aus seiner Wanderschaft zwischen zwei Welten ist auch seine besondere Spielart entstanden: Mit der unüberhörbar intimen, poetischen Klavierstimme, voller Bilder und Assoziationen, einerseits und der klaren, mutigen Kargheit der Klangfarbe andererseits gelang es ihm, die beiden Welten miteinander zu versöhnen. Das Wort "gelingen" mag er nicht. Viel lieber ist ihm der Ausdruck: "Heute war ich ein guter Diener. Und morgen? Wer weiß…" Jedes Konzert ist für ihn wie das Allererste. Es ist wie eine neue Epoche, wie ein neuer Lebensabschnitt, der sich niemals wiederholt. Und er begegnet diesem Abschnitt jedesmal mit Ehrfurcht und Freude zugleich. Zurzeit kreisen seine Gedanken um Schostakowitschs Klavierkonzert Nr. 1 in c-Moll. Mit diesem Konzert wird Peter Jablonski in Begleitung des Nordic Chamber Orchestra das diesjährige Usedomer Musikfestival im September eröffnen. Dieses Klavierkonzert, mit seiner Dynamik, seiner inneren Spannung, seiner motorischen Harmonik wirbelt jetzt in seinem Kopf herum, egal, ob er sich an den Flügel setzt oder auf eine Bank im Park, mit einer dicken Schostakowitsch-Biographie in der Hand. "Ich muss diesen Menschen verstehen, ich muss mich in ihn hineinversetzen können. Ich muss ihn fühlen. Das blinde Dienen ist nichts für mich. Ich muss mich fürs Dienen immer wieder aufs Neue entscheiden."