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Komponist Jörg Widmann

Herr Widmann, Sie haben für die Musiktage Ihre ganz persönliche Auswahl von Werken des Aufbruchs getroffen. Im ersten Programm werden unter dem Titel „Luft von den anderen Planeten“ Stücke von Robert Schumann, Alban Berg und Arnold Schönberg dargeboten. Was bestimmte die Auswahl?

Der Aufbruch selbst! (lacht) Keine Avantgarde befindet sich im geschichtslosen Raum. Und die wirklich revolutionären Werke der Moderne, wie die Kammersinfonie op. 9 von Schönberg oder Alban Bergs Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5, sind auch die Werke mit der größten Traditionsbindung. Nehmen Sie Bergs Vier Stücke für Klarinette und Klavier und insbesondere das Ende des letzten Satzes. In den tiefen, dissonanzgeballten Schlägen des Klaviers geht auf einmal etwas kaputt. Nun ist aber vorher ein C-Dur-Dreiklang mit großer Septime stumm niedergedrückt: c-e-g-h. Nur diese Töne klingen nach dem Ausbruch leise nach und die Klarinette weint dem, was da eben zerschlagen wurde, ebenso nach. Wenn dann am Klavier der gleiche Akkord noch einmal ganz leise angeschlagen wird, wirkt das immer, als sei dieser Akkord der erste Klang einer neuen Welt. Und das ist für mich ein Aufbruch.

Warum lassen Sie Ihr Aufbruch-Programm mit Schumanns späten Klavierstücken beginnen?

Am ersten Stück aus den Gesängen der Frühe interessiert mich die Verrückung in der Syntax. Dort wird an einer Stelle völlig unerwartet auf dem Taktschwerpunkt eine Note übergebunden. Das ist irritierend und klingt wie ein Fehler. Und nun am Ende seines Lebens lässt der geniale Schumann es so, unkorrigiert, stehen! Wenn man mitdirigieren würde, fiele einem sofort auf, wie ver-rückt diese Syntax ist! Man fällt in ein Loch. Ähnliches gilt auch für seine Geistervariationen. Es gibt darin eine Stelle, wo diese fließende Musik zu stehen kommt, man kann das in den Noten sofort erkennen: Der Taktstrich steht der Musik im Weg.

Vielleicht wie der Abschied vom Alten und der Beginn von etwas Neuem?

Natürlich!

In Ihrem Programm legen Sie auch einen besonderen Schwerpunkt auf Jagdvertonungen. Wie gestaltet sich diese Thematik?

Dadurch, dass ich mein Jagdquartett in einer Verbindung mit Mozarts Jagdquartett B-Dur zeige. Das Thema Jagd an sich interessiert mich hier insofern, da die Jagd einerseits ein alter Topos in der Musik ist, über alle Jahrhunderte hinweg, und bei Mozart kann man es sehr gut sehen. Doch andererseits wird in meinem Streichquartett dieser Jagd-Rhythmus zu Tode gehetzt. Es ist eine Entwicklung von einem ‚gesunden’, punktierten Jagdthema hin zur Skelettierung des anfänglich positivistischen Jagdgestus – eine Entwicklung, bei der aus den Jägern Gejagte werden.

Sie haben außerdem ein Programm zusammengestellt, das ihr eigenes Instrument in den Mittelpunkt stellt. Eine Ode an die Klarinette?

Ja-ja, etwas in der Art ! Und nun ganz neu: Die von mir ausgewählten Werke sind alle auf Ihre Weise eine Neudefinition geworden von dem, was Klarinette bedeutet. In diesen ganz unterschiedlichen Werken von Mozart, Strawinsky, Poulenc, Boulez und Steve Reich kann man die vielfältigen Facetten der Klarinette erleben.

Auch Sie selbst?

Ja, ich werde Boulez’s Dialogue de l’ombre double für Klarinette solo und Elektronik spielen. Es ist ein faszinierend auratisches Stück. Und das Stück von Steve Reich New York Counterpoint für 11 Klarinetten. Es ist ein Erlebnis der dritten Art und wird von den Studenten der Hochschule für Musik und Theater Hannover zusammen mit den Studierenden meiner Klarinettenklasse aus Freiburg dargeboten. Darauf freue ich mich besonders!

Das Gespräch, erschienen im Musikmagazin "Niedersächsische Musiktage" (2008), führte Marina Neubert