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Literatur in Israel

Verstummte Stimmen

Das Projekt

Die Wanderausstellung „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ‚Juden‘ aus der Oper 1933 bis 1945" widmet sich einem kaum untersuchten Kapitel der Nazizeit – der „Säuberung" der deutschen Opernhäuser. Erstmals wurde die von dem Historiker Hannes Heer, dem Musikjournalisten Jürgen Kesting und dem Gestalter Peter Schmidt realisierte Ausstellung 2006 in Hamburg gezeigt, anschließend in Berlin. Der aktuelle Stand des Projekts ist zu finden unter Verstummte Stimmen

Jüdische Künstler in Theresienstadt

Singen im Angesicht des Todes – Im Konzentrationslager Theresienstadt wurden jüdische Künstler inhaftiert. Nur wenige überlebten

Von Marina Neubert


"Madame Butterfly! Ruft da jemand Madame Butterfly? Hier in der Quarantänebaracke in Auschwitz? Das kann doch nicht sein!" Die jüdisch-französische Sängerin, KZ-Inhaftierte und Autorin des Buches "Das Mädchenorchester in Auschwitz" Fania Fénelon konnte es damals nicht fassen, dass man in einem Todeslager nach einer Sopranistin suchte, die die Titelpartie in Puccinis gleichnamiger Oper hätte singen können.
Genauso wenig können wir es uns heute vorstellen, dass es im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo Millionen von Menschen vergast und verbrannt worden sind, tatsächlich ein professionelles Gefangenenorchester gab, das dem Vergnügen der SS-Mannschaft dienen sollte. Beethoven und Puccini für Dr. Mengele & Co. - gespielt und gesungen überwiegend von inhaftierten deutschen, französischen und polnischen Jüdinnen. Nur wenige Musikerinnen, wie Fania Fénelon, überlebten.
Doch die Mehrheit der Künstlerinnen aus Auschwitz hat umsonst gegen den Tod musiziert. Ebenso wie die meisten Musiker aus dem Lager Theresienstadt, in das nach der Wannsee-Konferenz 1942 - die NS-Führung hatte dort über die "Endlösung der Judenfrage" beraten - ältere oder als prominent geltende europäische Juden deportiert worden waren. Die meisten von ihnen wurden von der Lagerleitung beauftragt, das kulturelle Leben im Ghetto zu gestalten. Und nur wenige von den Künstlern überlebten. Auch die angesehene Berliner Sängerin Therese Rothauser, die sich am Theresienstädter "Kulturleben" nach Kräften zu beteiligen versuchte, kam im April 1943 um.
Das Konzentrationslager Theresienstadt - 1941 etwa 60 Kilometer nordwestlich von Prag errichtet - war anfänglich nur als eine Durchgangsstation zu den östlich gelegenen Vernichtungslagern gedacht. Doch schon ein Jahr später begannen die Nazis, sie als eine "jüdische Mustersiedlung" für die eigenen Propagandazwecke zu nutzen.
1944 wurde der Berliner Kabarettist und Regisseur Kurt Gerron - er war nach Theresienstadt deportiert und wenige Monate danach in Auschwitz ermordet worden -, von der Lagerleitung beauftragt, den Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" für ausländische Gäste zu drehen. Kurz vor dem Besuch einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes, wurden indes 7500 Menschen nach Auschwitz gebracht, um das "Vorzeigeghetto" weniger überfüllt, dafür aber kultivierter aussehen zu lassen.
Die Kulturaktivitäten der Inhaftierten in Theresienstadt sollten - anders als in Auschwitz - nicht unmittelbar dem Vergnügen der SS-Leute dienen, sondern viel mehr der westlichen Welt die Illusion einer "normalen Judenstadt" vermitteln. 1942 gab die NS-Führung der so genannten "Freizeitgestaltung" im Lager grünes Licht: Theaterstücke durften inszeniert, Opern aufgeführt, Konzerte dargeboten werden. In der Musikabteilung bildete sich dort eine Art künstlerisches Sammelsurium aus unterschiedlichen Stilrichtungen, Vorlieben und Erfahrungen: Von einer Stadtkapelle über die Jazz-Band "Ghetto Swingers" und Volksmusikgruppen bis hin zu Kammermusikensembles und ab 1943 auch einem großen Streichorchester.
Unter der Leitung des tschechischen Komponisten und Dirigenten Rafael Schächter kamen im "Vorzeigelager" Theresienstadt einige Oratorien, Verdis "Requiem" und zahlreiche Opern zur Aufführung. Den Anfang machte 1942 Bedrich Smetanas Oper "Die verkaufte Braut". Doch schon zwei Jahre später wurde auch Schächter nach Auschwitz deportiert, um 1945 bei einem der Todesmärsche ums Leben zu kommen.
Neben Rafael Schächter sowie dem Schönbergs Schüler Viktor Ullmann zählten Pavel Haas und Hans Krasa zu den bedeutendsten tschechisch-jüdischen Komponisten innerhalb der Theresienstädter kulturellen "Zwangsgemeinschaft". Einige der Partituren von Pavel Haas, Leos Janaceks Schüler, sind uns erhalten geblieben - darunter "Die Studie für Streichorchester", die im Ghetto aufgeführt wurde. Die Nazis spielten sich mit diesem Stück in den Medien auf: Das Werk eines jüdischen Komponisten sei vom nichtjüdischen Publikum mit Begeisterung aufgenommen worden. Nur kurz darauf - 1944 - wurde Pavel Haas in die Gaskammern von Auschwitz geschickt.
Auch Hans Krasa, Zemlinskys Schüler, dem bereits seine frühe "Symphonie für kleines Orchester" die Anerkennung in der musikalischen Welt der zwanziger Jahre sicherte, wurde als Vorzeigekomponist in der Nazipropaganda vorgeführt. 1943 ordnete der Lager-Kommandant an, dass Krasa seine noch vor dem Krieg komponierte und in Deutschland gefeierte Kinderoper "Brundibar" zur Aufführung bringen sollte. Doch schon wenige Monate später, nachdem er seine Aufgabe erfüllt hatte, wurde auch Hans Krasa in Auschwitz umgebracht.
Nach Oktober 1944 verließ jedoch kein Transport mehr Theresienstadt. Die herannahende Ostfront zwang die Nazis, die Massenvernichtung in Auschwitz einzustellen und das Lager zu evakuieren. Im Mai 1945 zog die SS auf der Flucht von der Sowjetischen Armee auch aus Theresienstadt ab. Mit hinterlistigem Zynismus eines Henkers, der seinem Opfer vor der Guillotine noch einen kurzen Konzertbesuch gestattete, nutzten die Nazis die kulturellen Aktivitäten in Theresienstadt sowie den Überlebenswillen und das innere Bedürfnis jedes Künstlers, unter allen Umständen schaffen zu müssen, für ihre Propagandazwecke hemmungslos aus.
Ob Pavel Haas und Hans Krasa auf ihrem letzten Weg in die Gaskammern von Auschwitz hören konnten, wie die Sopranistin Fania Fénelon die Partie von Puccinis Cho-Cho-San gegen ihren eigenen Tod dort einstudierte, werden wir niemals erfahren.

(Der Artikel erschien am 29. Juni 2008 in der Sonderseiten-Reihe „Verstummte Stimmen“ in der Berliner Morgenpost)